Platform-First ist Beobachtung, die bei einer Plattform beginnt: Man verfolgt alle Einträge einer Art auf ihr, etwa alle neuen Stellenanzeigen einer Region, meist gefiltert nach festen Feldern statt nach Stichworten.

Platform-First stellt die Frage „Wo?“. Der Startpunkt ist weder ein Suchbegriff wie bei Topic-First noch eine Liste bestimmter Absender wie bei Source-First, sondern ein Ort. Den Vergleich aller drei Logiken zeigt der Artikel Marktbeobachtung: Topic-First, Source-First, Platform-First.

Wichtig ist die Unterscheidung von Plattform und Kanal. Eine Plattform ist ein Ort, an dem viele Absender Einträge derselben Art veröffentlichen und den ein Dritter betreibt: ein Stellenportal, ein Ausschreibungsportal, ein Register. Ein Kanal gehört einer bestimmten Quelle, etwa die Karriereseite eines Unternehmens oder seine Unternehmensseite auf LinkedIn.

Typische Plattformen

Stellenportale. Eurostat versteht Online-Stellenanzeigen als Veröffentlichungen von Arbeitgebern (öffnet in neuem Tab), die Bewerber mit bestimmten Fähigkeiten suchen. Sie enthalten laut Eurostat Angaben zu Stellen, gesuchten Kompetenzen und Arbeitgeber (öffnet in neuem Tab), etwa Standort, Wirtschaftszweig und Art des Vertrags.

Ausschreibungsportale. Öffentliche Aufträge oberhalb der EU-Schwellenwerte erscheinen auf TED (Tenders Electronic Daily) (öffnet in neuem Tab), laut TED mit über 3 000 Bekanntmachungen an jedem Werktag. Die Search API (öffnet in neuem Tab) ist ohne Anmeldung nutzbar und führt Branche und Ausführungsort als strukturierte Felder.

Patentregister. Das Deutsche Patent- und Markenamt beschreibt sein kostenloses DPMAregister (öffnet in neuem Tab) als geeignet „für die regelmäßige und systematische Überprüfung neu publizierter Schutzrechte im Rahmen eines Monitoring“.

Registerbekanntmachungen. Eintragungen ins Handelsregister werden nach § 10 HGB (öffnet in neuem Tab) durch ihre erstmalige Abrufbarkeit im elektronischen System bekannt gemacht. Das Registerportal der Länder (öffnet in neuem Tab) enthält die Register aller Bundesländer und die Registerbekanntmachungen.

Wofür Platform-First gut ist

Platform-First bedient Fragen, die die beiden anderen Ansätze nicht so gut abdecken: wer gerade einstellt, ausschreibt, ein Patent anmeldet oder ein Unternehmen gründet. Ein angenommenes Beispiel: Ein Personalvermittler beobachtet Stellenportale, um zu sehen, welche Unternehmen gerade suchen. Ein Stichwort-Alert würde diese Frage ungenau beantworten, eine Quellenliste nur für Unternehmen, die schon darauf stehen.

Die Stärke liegt in der Vollständigkeit innerhalb der Plattform und in den festen Feldern. Wer nach Region, Branche oder Kategorie filtert, braucht keine Stichworte und sieht auch Einträge von Absendern, die er noch nicht kennt. Die amtliche Statistik nutzt genau das. Eurostat hat 2020 gemeinsam mit Cedefop den Web Intelligence Hub (öffnet in neuem Tab) aufgebaut, der Anzeigen aus Jobportalen, Portalen der Arbeitsverwaltungen und von Personalvermittlern sammelt. Mit diesen Daten schlüsselt Eurostat offene Stellen nach Beruf und Region auf, weil diese Aufschlüsselung in der bestehenden Statistik fehlt (öffnet in neuem Tab). Das Statistische Bundesamt entwickelt aus Stellenanzeigen von Jobportalen Indikatoren zur Arbeitskräftenachfrage (öffnet in neuem Tab).

Wo die Grenzen liegen

Eine Plattform zeigt Einträge, nicht den ganzen Markt. Für Stellenanzeigen hat die amtliche Statistik die Grenzen genau beschrieben.

Andere Plattformen haben eigene Grenzen. Patentanmeldungen werden in der Regel erst 18 Monate nach dem Anmelde- oder Prioritätstag veröffentlicht (Art. 93 EPÜ (öffnet in neuem Tab)).

Rechtliche Grenzen

Für das systematische Auslesen einer Plattform gibt es Regeln. Der Europäische Gerichtshof hat in der Rechtssache C-762/19 (öffnet in neuem Tab) über eine auf Stellenanzeigen spezialisierte Suchmaschine entschieden. Sie kopierte und indexierte die Gesamtheit oder wesentliche Teile einer frei zugänglichen Datenbank. Das ist nach dem Urteil eine „Entnahme“ und „Weiterverwendung“. Der Hersteller der Datenbank kann sie untersagen, sofern sie seine Investition beeinträchtigen. Die Nutzungsbedingungen von Indeed (öffnet in neuem Tab) untersagen automatisierte Systeme wie Bots und Scraper ohne ausdrückliche schriftliche Erlaubnis. Die Einsicht ins Handelsregister ist nach § 9 HGB (öffnet in neuem Tab) jedem „zu Informationszwecken durch einzelne Abrufe gestattet“. Anders TED: Die Search API (öffnet in neuem Tab) richtet sich laut Dokumentation vor allem an Datennutzer und braucht keine Anmeldung. Mehr dazu im Abschnitt zu den rechtlichen Grenzen im Artikel über die drei Ansätze.

Verhältnis zu Source-First

Platform-First und Source-First ergänzen sich. Die Plattform zeigt, wer gerade einstellt, ausschreibt oder anmeldet. Dieses Unternehmen verfolgt man danach als Quelle. Wei Shi nennt die offenen Stellen eines Wettbewerbers in der Harvard Business Review (öffnet in neuem Tab) „one of the clearest and most accessible signals of strategic intent“.

Die IAB-Stellenerhebung fragt das „Stellenangebot auf der eigenen Homepage“ und das „Stellenangebot in Internet-Stellenbörsen“ (öffnet in neuem Tab) als getrennte Suchwege ab (Frage 43). Darauf stützt sich eine Einordnung dieser Website, die so in keiner der Quellen steht: Die Karriereseite ist ein Kanal der Quelle, das Stellenportal eine Plattform vieler Absender. Wer ein Unternehmen als Quelle verfolgt, liest dessen Karriereseite. Wer wissen will, wer überhaupt sucht, beginnt beim Portal.

Warum für die Frage, was bestimmte Marktteilnehmer selbst sagen, Source-First die passende Logik ist, beschreiben das Source-First Manifest und der Vergleich Quellen statt Stichworte. Wie sich Platform-First und Source-First an Stellenportal, Ausschreibung und Register im Einzelnen unterscheiden, zeigt der Vergleich Quelle oder Plattform?. Wie man eine Quellenliste aufbaut, zeigt Source-First in der Praxis.

Belege

  1. Eurostat: WIH – OJA Data. Eurostat CROS, ohne Datum. https://cros.ec.europa.eu/wih/oja (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  2. Eurostat: Arbeitsmarktnachfrage nach IKT-Fachkräfte in Online-Stellenanzeigen (Titel so im Original). Experimentelle Statistiken, ohne Datum. https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/experimental-statistics/labour-market-demand-ict-specialists (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  3. Amt für Veröffentlichungen der EU: About TED. Ohne Datum. https://ted.europa.eu/en/about-ted (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  4. TED Developer Docs: Search API. Ohne Datum. https://docs.ted.europa.eu/api/latest/search.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  5. Deutsches Patent- und Markenamt: DPMAregister. Ohne Datum. https://www.dpma.de/recherche/dpmaregister/index.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  6. Handelsgesetzbuch (HGB), § 10. Gesetze im Internet. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__10.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  7. Ministerium der Justiz Nordrhein-Westfalen: Registerportal der Länder, Startseite. Ohne Datum. https://www.handelsregister.de/rp_web/welcome.xhtml (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  8. Eurostat: Quote der offenen Stellen nach Beruf und Region. Experimentelle Statistiken, ohne Datum. https://ec.europa.eu/eurostat/de/web/experimental-statistics/job-vacancy-rate-occupation-region (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  9. Statistisches Bundesamt: Experimentelle Daten, Online-Stellenindex. EXSTAT, 05.07.2022. https://www.destatis.de/DE/Service/EXSTAT/Datensaetze/online-stellenindex.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  10. Rengers, Martina; Hornik, Andrea: Daten zu Online-Stellenanzeigen im ESSnet WIN. WISTA Wirtschaft und Statistik 5/2024, S. 49 ff. Statistisches Bundesamt. https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2024/05/online-stellenanzeigen-essnet-win-052024.pdf?__blob=publicationFile (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  11. Hershbein, Brad; Kahn, Lisa B.: Do Recessions Accelerate Routine-Biased Technological Change? Evidence from Vacancy Postings. NBER Working Paper 22762, Oktober 2016, überarbeitet September 2017 (begutachtete Fassung: American Economic Review 108 (7), 2018, DOI 10.1257/aer.20161570). https://www.nber.org/system/files/working_papers/w22762/w22762.pdf (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  12. Stops, Michael et al.: „IAB-Kompetenz-Kompass“. Bereitstellung von Stellentext-Daten als strukturierter Datensatz. IAB-Forschungsbericht 1/2025. https://doku.iab.de/forschungsbericht/2025/fb0125.pdf (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  13. Europäisches Patentübereinkommen, Art. 93. Europäisches Patentamt, 17. Auflage, November 2020. https://www.epo.org/de/legal/epc/2020/a93.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  14. Gerichtshof der Europäischen Union: Urteil vom 3. Juni 2021, Rechtssache C-762/19, CV-Online Latvia, Tenor. EUR-Lex. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:62019CJ0762 (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  15. Indeed: Nutzungsbedingungen, Abschnitt D, Nr. 21. Letzte Aktualisierung 29.06.2026. https://de.indeed.com/legal (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  16. Handelsgesetzbuch (HGB), § 9. Gesetze im Internet. https://www.gesetze-im-internet.de/hgb/__9.html (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)
  17. Shi, Wei: What You Can Learn from a Competitor’s Job Postings. Harvard Business Review, 10.08.2026. https://hbr.org/2026/08/what-you-can-learn-from-a-competitors-job-postings (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 23.09.2026)
  18. IAB: Fragebogen der IAB-Stellenerhebung, IV. Quartal 2025 (Papierfassung), S. 4, Frage 43. https://doku.iab.de/fragebogen/IABSE_Papier-Fragebogen_IV_2025.pdf (öffnet in neuem Tab) (abgerufen am 24.09.2026)

Autor: Dr. Karsten Richter, Geschäftsführer der Picasi GmbH. Die Picasi GmbH gibt diese Website heraus. Über diese Website